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Zwischen Ferne und Nähe

Zwischen Ferne und Nähe – dort, wo der Blick ins Unendliche reicht und zugleich Geborgenheit spürbar wird, zeigt sich eine Farbe, die beides zu verbinden vermag: Blau. Es ist die Farbe des Friedens, die Distanz zulässt, ohne zu trennen, und Nähe schenkt, ohne zu vereinnahmen. In ihr offenbart sich ein Schwebezustand des Gleichgewichts, in dem Ruhe, Leidenschaft und Freiheit zugleich erfahrbar werden.

Die Ausstellung Zwischen Ferne und Nähe mit Werken von Mahbuba Maqsoodi, die am 12. September 2025 in der Galerie Olymp eröffnet wird, widmet sich dieser besonderen Kraft des Blaus. In Maqsoodis Arbeiten erscheint Blau nicht als bloße Farbe, sondern als geistige Haltung: eine Atmosphäre des Sehens und zugleich eine Übung der Innerlichkeit. Es ist tief und nah, kühl und doch glühend – und führt die Betrachtenden auf eine Reise, in der sie das Verhältnis zwischen Mensch und Welt, Innen und Außen neu befragen können.

Mahbuba Maqsoodi, in Afghanistan geboren und heute in Deutschland lebend, trägt in ihrer Biografie selbst das Spannungsfeld von Ferne und Nähe – zwischen geographischer Distanz und kultureller Zugehörigkeit, zwischen Schmerz und Heilung. Ihre Malerei wird so zu einem Ort, an dem persönliche Erfahrung und kollektive Sehnsucht einander begegnen. In einer Zeit, die von Konflikten, Flucht und Kriegen geprägt ist, wirkt das Blau wie eine leise Antwort: nicht laut, nicht aggressiv, sondern sanft und beständig.

In den unterschiedlichen Traditionen des Ostens war Blau stets mit Ferne und Nähe verbunden. In China gilt das Sprichwort: „Das Blau entspringt dem Indigo, und doch übertrifft es diesen“ – es besagt, dass aus der Indigopflanze Blau entsteht und doch seinen Ursprung übertrifft. Blau ist damit Sinnbild sowohl für Herkunft als auch für das Übersteigen des Ursprungs. Der Daoismus verstand Blau als Bild für Leere und Klarheit, so grenzenlos wie Himmel und Meer, die den Menschen zur Rückkehr in die Natürlichkeit führen. Im Buddhismus ist das blaue Licht des Medizinbuddhas ebenso wie die Reinheit der blauen Lotusblüte ein Symbol für Heilung, Erwachen und inneren Frieden. In der islamischen und persischen Ästhetik wiederum ist Blau das Tor ins Unendliche: die azurblauen Fliesen der Moscheen und das Ultramarin der Miniaturen spiegeln die Unermesslichkeit des Himmels, sie stehen für Schutz, Transzendenz und das Schweigen der Seele. Auch im christlichen Abendland erhielt Blau eine besondere Rolle: Das Ultramarin der mittelalterlichen Malerei war der Mantel der Gottesmutter Maria vorbehalten – ein Zeichen der Demut, des Schutzes und der göttlichen Nähe. So wurde Blau zugleich zum Sinnbild der himmlischen Ferne wie auch der tröstenden Nähe, die den Menschen mit dem Göttlichen verbindet. So bewegt sich das Blau zwischen der „fernen Unendlichkeit“ und der „nahen Innerlichkeit“.

Blau ist zugleich die politische und reale Friedensfarbe. Die Fahnen der Vereinten Nationen wehen vor dem Hintergrund von Kriegen und Krisen und erinnern an eine gemeinsame Verantwortung der Menschheit. Heute gewinnt diese Symbolik neue Tiefe: Frieden bedeutet nicht Abwesenheit von Konflikt, sondern eine in der Spannung von Ferne und Nähe gewachsene Weisheit – eine Kraft, die Räume für Dialog und Begegnung öffnet.

Auch Wissenschaft und Philosophie verleihen dem Blau eine weitere Dimension: Die blaue Flamme brennt heißer, reiner und intensiver als viele andere Flammen. Sie gilt als eine der kraftvollsten Erscheinungen des Feuers – und zugleich als die ruhigste in ihrer Gestalt. Dieses Paradox macht sie zu einem Sinnbild für den Frieden: nicht Stillstand, sondern eine geläuterte, widerständige Energie. Die blaue Flamme ist wie der Knotenpunkt zwischen Ferne und Nähe, zwischen Heiß und Kalt, zwischen Bewegung und Stille.

So sind Maqsoodis Werke weit mehr als Malerei in Blau – sie sind eine Befragung des Daseins „zwischen Ferne und Nähe“: Ferne als die Distanz zur Welt, als der unerreichbare Himmel und das tiefe Meer; Nähe als die innere Ruhe, die sich im Atem und in der Stille offenbart. Wer sich in die Bewegungen des Blaus hineinbegibt, erfährt beides zugleich: die Weite des Fernen und die Geborgenheit des Nahen, die Glut der Flamme und die Klarheit der Stille.

„Zwischen Ferne und Nähe“ ist damit mehr als ein Ausstellungstitel – es ist eine Lebenshaltung. Es erinnert uns daran, im Blau eine Form des Friedens zu entdecken, die Gegensätze übersteigt: klar, sanft und zugleich glühend und unerschütterlich; ein Frieden, der aus der Ferne zu uns ruft und zugleich in der Nähe unseres Herzens aufleuchtet.